-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: "Kerstin Andreae (Wahlkreisbüro)" [mailto:kerstin.andreae@wk.bundestag.de]
Gesendet: Donnerstag, 16. Oktober 2008 16:38
An: Dora.pfeifer-suger@gruene-muellheim-neuenburg.de; ulliseh@arcor.de
Betreff: Re: [Fwd: Sagt "Nein"!]

 

Liebe Dora, liebe Ulrike,

 

vielen Dank für Eure Stellungnahme zur Lage in Afghanistan und zu den anstehenden Abstimmungen im Deutschen Bundestag über die Verlängerung der von den Vereinten Nationen mandatierten internationalen Sicherheitsunterstützung (ISAF) und der US-Geführten Anti-Terroroperation Enduring Freedom (OEF).

 

Der begonnene – und leider stockende – zivile Wiederaufbau in Afghanistan ist unerlässlich. Viele Ziele wurden jedoch noch nicht erreicht, viele Projekte sind ins Stocken geraten. Dennoch ist die Situation im Land heute – trotz aller Rückschläge – in zentralen Bereichen besser, als 2001 unter der Taliban-Herrschaft. Rechtliche Standards wurden etabliert, Grundlagen für staatliche Institutionen geschaffen und große Fortschritte im Gesundheits- und Bildungsbereich gemacht. Dies bescheinigen auch viele Gesprächspartner aus der afghanischen Zivilgesellschaft. Nicht zuletzt hat sich vielerorts die Lebenssituation von Frauen und jungen Mädchen verbessert.

 

Wie viele Afghaninnen und Afghanen aber auch vor Ort tätige Hilfsorganisationen und NGO´s bin ich der Auffassung, dass eine internationale Sicherheitspräsenz und damit eine militärische Absicherung des zivilen Wiederaufbaus erforderlich ist. Die deutsche ISAF-Beteiligung ist gerade auf afghanischer Seite immer noch gut angesehen und gewünscht, sie ist weiterhin unverzichtbar. Dramatisch ist allerdings, dass die Sicherheitslage vor Ort schwieriger geworden ist und dass viele zivile Opfer auf Seiten der afghanischen Bevölkerung zu beklagen sind. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung zunehmend frustriert über die als langsame empfundenen Fortschritte beim Wiederaufbau und das Agieren der eigenen – oft als korrupt wahrgenommenen – Regierung ist.

 

Nun stehen wir in der Bundesrepublik als Parlamentarier wieder vor der Frage, ob wir der Verlängerung des ISAF-Mandats zustimmen.

 

Mir stehen drei Abstimmungsvarianten (Ja, Nein, Enthaltung) zur Verfügung. Ich bin als freie Abgeordnete keinem imperativen Mandat verpflichtet, möchte in der Abwägung und Entscheidungsfindung aber unterschiedlichste Aspekte berücksichtigen. Diese sind die Position meiner Partei, die der deutschen Bevölkerung, aber auch die der afghanischen Bevölkerung.

 

Sollte ich dem Mandat die Zustimmung verweigern und mit „Nein“ stimmen, dann würde dies in der Konsequenz den sofortigen Abzug des Militärs aus Afghanistan bedeuten. Ich kann dies nicht verantworten.

 

Vor allem für die Menschen in Afghanistan wäre ein „Nein“ ein falsches Zeichen. Wir haben eine Verpflichtung insbesondere gegenüber jenen vielen Afghaninnen und Afghanen, die sich entschieden haben, sich am Aufbau des Landes zu beteiligen. Ohne die militärische Präsenz der internationalen Staatengemeinschaft wären diese Menschen großen Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt. Mariam Notten, afghanische Soziologin und jüngste Trägerin des taz Panther Preises warnt für diesen Fall vor einem „Blutbad unvorstellbaren Ausmaßes. Wenn heute die internationalen Truppen abzögen, würden Taliban und Al Qaida innerhalb von etwa einer Woche wieder die Macht erobern. Zuerst würden jene Hunderttausende Landsleute ermordet, die sich in den letzten Jahren um den Wideraufbau ihres Landes und der Zivilbevölkerung bemüht haben. Dann würden Frauen und Mädchen ins Visier genommen (…).“ (Publik-Forum 19/2008)

 

Es ist aber klar festzuhalten, dass eines der zentralen Probleme der internationalen Gemeinschaft das Nebeneinander von zwei Missionen (ISAF und OEF) ist und damit weder eine insgesamt abgestimmte internationale Strategie vorliegt, noch eine deutliche Fokussierung auf den zivilen Wiederaufbau gegeben ist. Seit langem fordert die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen einen Strategiewechsel in Afghanistan, wie wir ihn in zahlreichen Anträgen und Initiativen formuliert haben. Im Zentrum steht für uns eine Beendigung der kontraproduktiven OEF-Mission in Afghanistan und Pakistan und der opferreichen militärischen Gegnerbekämpfung, eine massive Aufstockung und Verbesserung der Qualität des zivilen Aufbaus, ein entschiedenes Eintreten für die Menschenrechte in Afghanistan und eine regionale Strategie zur Befriedung Afghanistans sowie der Aufbau einer wirtschaftlichen Perspektive, um dem Drogenanbau Einhalt zu gebieten.

 

Dieser Strategiewechsel hat nur in sehr kleinen Schritten stattgefunden. Das ist dramatisch und spätestens nach den Präsidentschaftswahlen in Amerika nicht länger hinnehmbar. Ich hoffe, dass ein Wechsel in Amerika insgesamt zu einer Veränderung der Strategie beim Einsatz in Afghanistan führt und dass diese Chance dann auch ergriffen und seitens der Bundesregierung eingefordert wird.

 

Vor diesem Hintergrund habe ich mich entschieden in der jetzigen Situation nochmals für die Verlängerung des ISAF-Mandats zu stimmen. Eine Enthaltung – für die sich viele meiner Kolleginnen und Kollegen entschieden haben – wäre für mich keine klare Positionierung. Schließlich muss ich mir auch immer die Frage stellen, was wäre, wenn das gesamte Parlament entscheiden würde, wie ich. Es gibt eine starke Minderheit in der Grünen Partei, die meine Position teilt. Sie erwartet, dass ein Teil der Fraktion auch ihrer Meinung Ausdruck verleiht.

 

Ich hoffe, dass Ihr nach dem Lesen dieses Mails Verständnis für meine Entscheidung habt. Es ist wahrlich keine leichte Entscheidung und ich bin mir bewusst, dass ich bei der Frage militärischer Einsätze immer auch über das Leben anderer Menschen entscheide. Aber die Realität zwingt uns anzuerkennen, dass wir dies auch tun, wenn wir uns gegen einen Militäreinsatz entscheiden.

 

Herzliche Grüße

 

Eure

 

Kerstin

 

Wahlkreisbüro Kerstin Andreae MdB

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